Wir streifen wie jeden Tag durch die unüberschaubaren Gassen des Souks in Marrakesch. Überall Gerüche, Farben, Menschen die sich aneinander vorbeipressen, verschiedene Sprachen, Bedürfnisse, Geräusche – es ist eine Explosion auf allen Ebenen.
Wir haben uns ein Ziel gesetzt, ein Geschäft in dem wir schon einmal waren und was uns gut gefallen hat. Unsere Mission war es hinzugehen, unsere Sachen zu besorgen und wieder zurückzugehen. Mit diesem klaren Vorhaben schaffe ich es in Deutschland immer recht gut meine Dinge zu erledigen – aber hier ist das anders. Schon als ich über den großen Platz laufe, um in den Gassen mit den vielen kleinen Geschäften und Händlern zu verschwinden wird mir klar: Ich möchte gar nicht nur an mein bestimmtes Ziel, ich möchte die Wege dorthin erleben. Es ist so bunt und so üppig und so voller Leben, ja das ist es – diese Straßen in der Medina leben. Es gibt kein Stress, die Menschen sind einfach da, das ist ihre Bestimmung, da zu sein und ihre Sachen anzubieten und Erlebnisse zu schaffen.
Da ich aber prinzipiell nicht allein durch die Straßen gehe ist der Gruppendruck gross und so schafften wir es dann doch in unserem Geschäft mit dem nicht sehr marokkanischem Namen „Different“ anzukommen. Mir fielen ein paar Hosen und Anzüge ins Auge die ich gern aprobieren wollte, da sie „anders“ waren – dem ich ja nicht abgeneigt bin. Ich schlüfte in eine sehr weite, fast rockähnliche knallgelbe Hose, die mir eigentlich zu knallig war, aber mich dennoch anzog, hinein und betrachtete mich. Der Mitarbeiter im Geschäft, der ein ausgezeichnetes Englisch sprach und wie fast alle hier ein sehr guter Verkäufer war betrachtete mich und meinte, dass das eine sehr tolle Hose sei, die mir auch sehr gut stünde. Ich guckte ihn zweifelnd an … meine begleitenden Damen waren selbst am stöbern und schauen und so betrachtete ich mich nochmal, um das Schöne an dieser Hose für mich zu finden. Ich war ja willens zu kaufen – das habe ich ja schon bemerkt, es gibt Tage da habe ich Lust zu kaufen und an anderen Tagen ist die Stimmung dafür einfach nicht da – aber das war so ein Tag, ich würde gern etwas Schönes für mich mit nach Hause nehmen.
So betrachtete ich mich nun und stellte fest, das das eine Hosenbein bei dieser Hose viel länger war als das andere. Ich zeigte es meiner Begleitung, die nickte. Also war es für mich klar erledigt. Der Verkäufer kam nochmal und betrachtete mich wie ich die Hose an mir betrachtete und ich sagte zu ihm, die Beine bei der Hose seien unterschiedlich, das eine Bein sei viel länger als das andere, für mich war das also erledigt. Um so erstaunter war ich dann als der Verkäufer das als keinen Aufgabegrund so richtig verstand und schaute nochmal hin und meinte dann zu mir „Du musst das Positive sehen“.
Ich musste erst einmal tief Luftholen und mich sammeln und kurz innehalten um mich zu fragen „Hat er das jetzt wirklich gesagt“, „Das ist doch nicht sein ernst“, „das ist doch völlig unmöglich“. Hinzu kommt, dass er das gar nicht argwöhnisch, spitz oder beleidigend sagte, er schien es wirklich so zu meinen.
Um die Geschichte hier abzukürzen, ich habe die Hose ausgezogen, freundlich zurückgegeben und mich dann für einen grasgrünen Hosenanzug entschieden, den ich hoffentlich noch viele Jahre tragen kann. Ich war zufrieden, da ich ein cooles „Different“ – Teil habe und der Verkäufer war zufrieden, da der Anzug das Doppelte kostete wie die Hose – also sozusagen eine Win Win Situation und alle waren happy.
Mich beschäftigte seine Aussage aber noch viele Tage. Wieso hat er das gesagt, für mich war das in dieser Situation so absurd. Auch für den Verkäufer war es nicht so daher gesagt um etwas zu verkaufen, es war tiefer. Da dieser Satz so an mir so haften blieb, bin ich überzeugt, dass es eine Botschaft für mich war – vom Leben. Das Leben spricht über andere Menschen zu uns, und wenn man wach und „zugeschalten“ ist bekommt man diese Botschaften, hört sie uns kann sie für sich verstehen.
Ich soll das Positive sehen. Ja warum nicht. Schauen wir nicht allzu oft auf das war wir nicht haben, auf das was schlecht läuft, auf die Probleme, auf das halbleere Glas? Du musst das Positive sehen ist für mich eine ganze Lebensphilosophie – ich entscheide, glücklich zu sein. Es ist eine Entscheidung! Und um wieder zum Theater zu kommen, es ist eine Rolle, die man üben kann, indem man sie immer öfter spielt. Sei es auf der Bühne (wo es sicher ist zu üben) oder direkt im Leben.
Danke, lieber Mensch da draußen für diese Botschaft an mich.
Und noch ein heiterer Twist in dieser Geschichte. Zwei Tage später schaute mich eine Teilnehmerin aus unserem Wokshop, die auch Ärztin ist an und meinte: Katinka, du bist ja ganz schief. Sie untersuchte mich und sagte mir, dass meine Hüfte schief sei, das ist leicht zu begradigen, aber im Moment sei ein Bein länger als das andere.
Darf das denn wahr sein. Ich war so überzeugt davon, dass die Hose ungleich war und fand die Aussage des Mannes so absurd mir diese verkaufen zu wollen und nun stellte sich heraus, dass es gar nicht die Hose war, sondern ich selbst. Und so wurde mir noch eine Erkenntnis zuteil. Oft sind nicht die anderen das Problem, sondern wir selbst.
Danke Marrakesch, danke Leben.

